Fantasievollen Buchschnitt malen

Ein kurzer Ausflug zum künstlerischen DIY der Buchszene
Wer hier schon länger mitliest weiß: Ich mag Bücher. Vor allem alte. Gerade in öffentlichen Bücherkisten und -schränken werde ich immer wieder fündig.
Ein „Must Have“ der Buchbranche sind aktuell Romane mit bedrucktem Buchschnitt.
Gerade die Bücher der Genre Young Adult und New Adult übertreffen sich an bedruckten Buchkanten – egal ob Soft- oder Hardcover. Neben den anderen Veredelungsmöglichkeiten, die die Verlage dafür hervorholen von Relieflacken, Soft Feel-Kaschierungen, Gold-, Silber und anderen Effekt-Folierungen… quasi „der letzte Schrei“.
All diese Veredelungen der Bücher macht die Produktion teurer. Im Umkehrschluss, wenn die Bücher nicht teurer werden, bleibt weniger Geld beim Verlag, bei den Autorinnen und falls vorhanden, den Illustratorinnen.
Was ist der Buchschnitt?
Dies sind die drei Seiten des Buchblocks, an dem nach dem Binden die Blätter geschnitten und auf perfekt gleiche Länge gebracht werden. Die vierte Seite ist der Buchrücken an dem die Papierlagen gebunden wurden.
Die Verzierungen (auch Schnittverzierungen) wurden früher vor allem zum Schutz aufgebracht. Staub von oben, Fingerdatschen an der langen Seite… Der Farbschnitt, der Marmorschnitt und –den kennst Du vielleicht von alten Gesangbüchern oder der Bibel– der Goldschnitt.
Eine besondere Art der Verzierung ist die Fore-edge-Malerei (man nennt es übersetzt Unterschnittmalerei), bei der das Bild erst zu erkennen ist, wenn man die Seiten des Buches fest zusammen hält und den gesamten Block verschiebt. Aber das ist vielleicht was für Fortgeschrittene?
Neujahrs-Vorsätze umsetzen
Bereits im letzten Herbst hatte ich mir einige Vorsätze für dieses Jahr 2026 gesetzt. Einer davon: Neues ausprobieren! Mal im Try-and-Error-Prinzip für mich allein (wie bei meinen Ornamenten aus Prägefolie, die Du hier im Blog findest) und mal unter Anleitung, entweder bei Freundinnen oder in Workshops. Einige Themen stehen dazu auf meiner Wunschliste und so langsam beginne ich mit der Jahresplanung.
Ganz zufällig hatte ich die Ankündigung für den Workshop in der Buchhandlung Bücherbank in Bad Camberg auf Facebook gesehen. Eigentlich war ich am recherchieren zum Thema Lesungen für einen Kunden… aber ich habe nicht lange gezögert und mich zum Glück direkt angemeldet.
Die Plätze waren sehr begehrt! Es musste daher ein zweiter Workshop angeboten werden. Sowas freut mich ja sehr, weil es zeigt, dass das Interesse da ist und ich hoffe, dass sich der Aufwand für die Ausrichter lohnt!
Workshop Buchschnitt malen in der Bücherbank Bad Camberg
An diesem Wochenende war es nun soweit: Ein Buch musste ausgewählt werden – natürlich hätte ich auch in der Bücherbank ein neues kaufen können. Nun wer kennt ihn aber nicht, den Perfektionismus und die Angst es erstmal zu verhauen. Also nein, kein neues Buch.
Auch wenn ich dort angekommen versucht war, „Views“ von Marc Uwe Kling zu kaufen und es bemalt gegen das hier zu Hause auszutauschen…
Nein, ich hatte ein Buch dabei, ein Romance-Roman mal bei einer Tombola von ZNM – Zusammen Stark! gewonnen, der schon ein paar Jahre hier rum liegt. Obwohl ich ihn noch nicht gelesen habe, die Farben des Covers sind ansprechend, ganz meine persönliche Farbpalette, und so habe ich zum Buch auch noch zwei passende Aquarellnäpfe eingepackt.
In der Buchhandlung waren drei Tische für die Teilnehmenden am langen Schaufenster aufgestellt. Darauf lagen schon alle Utensilien bereit. Neben Stiften, Pinseln und Farben, gab es auch viele verschiedene Stempel – und natürlich das wichtigste: Je zwei Holzbrettchen und zwei Schraubzwingen.
Die Buchhändlerin und -künstlerin Jasmin Wolfrum wurde vom Team der Bücherbank kurz vorgestellt, bevor sie dann selbst eine Einführung ins Thema und die vielfältigen Möglichkeiten gab.
Dann ging es auch schon los: Die Umschlagseiten in (nicht saugendes) Papier einschlagen, so dass sie nicht mit bemalt werden. Die Brettchen auf Cover und Rückseite, das Buch auf die Schnittseite gestellt und alles gut mit den Klemmzwingen fixiert.
Okay, bei deren Handhabung brauchte mancher eine dritte Hand, aber das war es auch schon.
Wem eine Schraubzwinge zu umständlich ist, kann sicher auch auf kräftige Klemmen zurück greifen. Diese müssen von der Größe her nur zum Buchumfang passen – die Schraubzwingen sind da flexibel.
Die meisten von uns entschieden sich für einen Farbverlauf, was für eine Aquarellmalerin wie mich doch eigentlich ganz einfach sein sollte?! Nun, das raue Papier des Romans hat nichts mit Aquarellpapier zu tun. Trotzdem sind Aquarellfarben, aber wohl auch der klassische Deckfarbkasten aus der Grundschule, besonders für das Bemalen des Buchschnitts geeignet. Gouache, die dem Deckfarbkasten mit der kreidigen Konsistenz sehr ähnlich ist, bestimmt auch. Acrylfarben, mit der Schicht aus Kunststoffpolymer die dabei entsteht, sind ungeeignet, weil die Seiten sich danach nicht mehr von einander lösen.
Einige nutzten die Möglichkeit mit Silikonstempeln (Clear Stamps) auf die Buchseiten ein Motiv zu bringen um dies dann auszumalen und zu erweitern. Andere malten direkt auf die Seiten, die Dame mir gegenüber schrieb ein Zitat aus Erich Kästners „Das Blaue Buch“ darauf <3
Ich hatte natürlich gleich konkretere Vorstellungen… und musste dafür mich kurz sammeln um nicht einfach drauf los zu malen. Manchmal hilft es eben kurz nachzudenken und das Vorgehen zu planen, denn: Man kann auf dunkles Aquarell NICHT hell darüber malen. Dazu müsste man mit Gouache arbeiten, die deckt. Noch dazu lässt sich Aquarell auf den Buchseiten kaum korrigieren, wie es auf Aquarellpapier möglich wäre.
Ich habe daher auch erst einen Verlauf über alle drei Schnittkanten gemalt mit einem hellen Türkisgrün zu einem dunklen Blautürkis. Dabei kam mir sehr entgegen, dass im hellen Ton Weißpigmente enthalten sind (sonst schimpfe ich beim Kolorieren meiner Tuschzeichnungen immer darüber…). Das hat es einfacher gemacht. Generell ist jedes Buch ein bisschen anders, je nach Papierart, Alter, Lagerung etc pp.
Als der Verlauf einigermaßen trocken war, habe ich mit einem schwarzen Fineliner eine Feder auf den Kopfschnitt gezeichnet. Vor allem die Außenlinie und den Kiel.
Dann habe ich begonnen den türkisen Bereich um die Feder mit schwarzer Farbe zu übermalen. Ein “negative Painting“, wenn man es technisch beschreiben will. Vom Buchrücken aus zum Vorderschnitt hin mit immer weniger Pigmenten (DAS bedarf noch Übung, damit das wirklich so wird wie ich es mir vorstelle…), damit auch dies einen Verlauf ergibt.
Im Anschluss habe ich Schatten und Linien auf die Feder gemalt und zum krönenden Abschluss der zwei Stunden mit goldener Farbe Sprenkel, passend zum Schutzumschlag des Romans, darauf verteilt.
Zum Ende des Workshops wurden die Bücher aus den Schraubzwingen befreit und die Seiten „aufgebrochen“, also das Buch geöffnet und die Seiten durchgeblättert.
Dabei sieht man gut: Es klappt beim Hard- wie beim Softcover gleich gut! Selbst richtig große Formate lassen sich bemalen, wenn man sie nur gut einspannen und pressen kann.
Am Tag danach habe ich zuhause noch auf die Unterseite, den Unter- oder Fußschnitt, eine weitere Feder analog zu der oben gemalt und über alle drei Seiten Sprenkel verteilt. Nun ist das Buch, zu dessen Inhalt ich gar nichts sagen kann, ein Unikat, ein kleines Kunstwerk. Ob ich es nun endlich auch lesen werde?
Meine Learnings:
- Einfach machen! Ja, das sagt sich oft so einfach. Aber hey, schnapp Dir einfach mal ein ausgedientes Buch und mach es zu einem Kunstwerk!
- Viel Farbe! Vorher anmischen sollte man sie oder man sie direkt aus Napf oder Tube.
Und viel Wasser… - Trocknungszeiten aushalten! Gerade für ungeduldige Menschen vielleicht nichts. Aber man kann das Malen in schöne einzelne Schritte und somit z.B. über mehrere Abende aufteilen: Vom Grundieren, den ersten größeren Flächen, zu Feinheiten und Finish.
Danke an Jasmin Wolfrum und das Team der Bücherbank für zwei Stunden kreative Auszeit in bibliophiler Atmosphäre!
Neben dem Workshop waren die Gespräche zwischen den Teilnehmenden erfüllend. Von den Genres die man so liest, über das wie und wo man liest, bis hin zu den offensichtlich zwei Lagern war das Handhaben –besonders von Soft Covern– betrifft: Vom Rückenbrechen bis hin zum nur ganz vorsichtig einen Spalt zum Lesen öffnen.
In der Buchhandlung habe ich übrigens trotzdem sofort eine Graphic Novel gefunden, die natürlich mit musste: „Mein Freund Rilke“ von Autorin und Illustration Melanie Garanin, erschienen bei Carlsen.
Fun Fact für Leute hier ausm Eck:
Die Bücherbank heißt „Bank“ nicht weil eine bunte davor steht, sondern weil sie früher mit der Kreissparkasse in einem Gebäude war.
Heute ist sie in der Bahnhofstraße 26 in Bad Camberg und wohl die einzige Buchhandlung mit Notfallklingel! Diese ist ein Überbleibsel der Apotheke, die vorher in den Räumlichkeiten war.
Ob sie auch funktioniert?
Lokalen Buchhandel unterstützen geht ganz einfach!
Man muss nicht mal hin gehen!
Wenn Du ein kleiner Bücherwurm bist und doch leider nicht so oft in den unabhängigen Buchhandel kommst, gibt es trotzdem eine ganz einfache Möglichkeit dort zu shoppen!
Du musst nicht bei den großen Ketten kaufen, egal ob das grinsende A, Thalia und Co. wo Dich die KI Bücher eh bald überfluten werden.
Nein, es geht ganz einfach ganz anders und das eben auch 24/7 online und vom heimischen Sofa aus.
Nutze genialokal.de zum Bücher shoppen!
Dort legst Du wie in jedem Online-Shop ein Konto an und wählst dann eine lokale, inhabergeführte Buchhandlung aus. Ob aus Deiner Nähe, aus Deiner Heimat, der Kindheit oder vielleicht dort wo Du im Urlaub so schöne Postkarten gefunden hast…
Dann bestellst Du Deine Bücher wie in jedem anderen Online-Shop und kannst wählen ob Du sie dort abholen möchtest oder ob sie nicht doch einfach direkt zu Dir nach Hause kommen.
Klingt praktisch? Ist es.
Klingt easy? Ist es.
Unterstützt den unabhängigen Buchhandel? JA!
Dies ist unbezahlte Werbung aus persönlicher Überzeugung.















